Cosima Köhn

Erfahrungen & Erkenntnisse mit dem „Seminar Shoah“ – Facilitator Cosima Köhn

Erlebnisse im Seminar:

Im Vergleich zu dem ersten Mal, als ich den Film geschaut (an einem Tag und ohne weitere Begleitung), waren die Bedingungen für unser Projekt diesmal ausgesprochen günstig. Wir waren eine weitestgehend geschlossene Gruppe von etwas mehr als 20 Personen, die sich schon vom Timeless Wisdom Training kannten und die alle eine Vorerfahrung und Kenntnis darüber mitbrachten, wie wichtig es ist, unangenehme und traumatische Gefühle auf verschiedene Weise auszudrücken und nicht in einem abgeschnittenen erstarrten Zustand zu verweilen.

Trotzdem waren die Teilnehmer überwältigt von den Beschreibungen der Zeitzeugen und der Kraft der Suggestionen, die diese Worte auslösten. Zudem erzeugt die Kameraführung eine hypnotische /eindringliche bildhafte Wirkung des Erzählten und man wird im Laufe des Films immer mehr in das Erleben der Protagonisten hineingezogen – man kann sich dem Miterleben nicht entziehen.

Insofern trat auch bei den Teilnehmern innerhalb des Films zeitweilig so etwas wie eine traumatische Starre ein, vor allem, weil die Protagonisten meist gar nicht in der Lage waren, ihre traumatischen Erlebnisse mit einem Gefühlsausdruck im Gesicht zu beschreiben. Die Gesichter waren oft selbst starr oder der Gesichtsausdruck stimmte mit dem Erzählten nicht überein. Insofern war es immer wieder wichtig zu schauen, an welchen Stellen der Film ggf. angehalten werden konnte, um einem Körperausdruck, einem Gefühl oder einer Bewegung Ausdruck zu verleihen. Wir drei Facilitator waren da sehr mit den Teilnehmern verbunden und haben meist intuitiv und in Feinabstimmung untereinander? das Richtige getan.

Für die Teilnehmer war es teilweise schwer nachvollziehbar, dass die Protagonisten ihren Gefühlen keinen Ausdruck geben konnten. Vor allem bei den Jüngeren stieß das auf Unverständnis. Da war es unsere Aufgabe darauf hinzuweisen, was es sie und den Regisseur gekostet hatte, sie überhaupt zum Sprechen zu bringen. Es gab auch Unmutsäußerungen über die empfundene Ruppigkeit des Regisseurs bei den Befragungen. Es waren auch da meist die jüngeren Teilnehmer, die das so erlebt haben. Es ist gut, genügend Background-Informationen (zum Beispiel über das Biographie-Buch des Regisseurs) zu haben, um dem begegnen zu können.

Besonders wertvoll empfand ich das gegenseitige körperliche Halten. Entweder sind wir zu Teilnehmern hingegangen und haben ihnen eine Hand an den Rücken gelegt oder ihnen eine Hand zum Festhalten angeboten, wenn wir gespürt haben, dass sie in einem erstarrten, verlassenen Zustand sind. Das wurde auch im Nachhinein bestätigt, dass dieser Körperkontakt als etwas ganz Wichtiges, Wertvolles und Öffnendes erlebt wurde.

Auch der Austausch in einer Triade wurde als sehr wertvoll und konstruktiv bewertet. Leider hatten wir nur Zeit für eine Triadenarbeit, in zukünftigen Veranstaltungen im Projekt würde ich mehr Zeit dafür wünschen.

Nach der Triade gab es erste Äußerungen, ob es denn wirklich sinnvoll sei, sich diesen Film bis zum Ende anzuschauen, zumal wir danach noch eine TWT-Woche vor uns hatten. Dieser Effekt tritt wohl nach dem Schauen der ersten beiden DVDs ein, weil man überwältigt ist, von dem was man gehört hat und nicht weiß, was noch alles kommt. Hier war es wichtig mit Behutsamkeit und ohne Druck für das gemeinsame Weiterschauen zu werben und zu ermutigen. Ich würde in Zukunft noch stärker im Vorfeld darauf hinweisen, dass es eine gemeinsame Reise in das absolute Dunkel ist und dass man möglicherweise an einen Punkt kommt, wo man glaubt, nicht mehr weiter gehen zu können. Aber man kann gemeinsam weiter gehen, niemand ist allein auf dieser Reise – und das war anschschließend auch allen so klar.

Für mich war etwas Besonderes, dass die Teilnehmer nicht nur aus Deutschland kamen, sondern ebenfalls aus anderen Ländern oder anderen Kulturkreisen wie den Niederlanden, Spanien, Österreich, Schweiz, Ghana und Japan. Ich bin gespannt, wie sich ihre Herkunft auf ihre Erfahrungsberichte auswirkt.

Für alle Teilnehmer war es wohl so, dass sie diesen gemeinsamen Prozess als etwas Transformatorisches empfunden und diese gemeinsame Reise als verbindend erlebt haben, vielleicht vergleichbar mit einer Heldenreise (Metamythischer kathartischer Prozess nach Forschungen von Joseph Campbell,) zu dem Ungeheuer, aus der man verwandelt wieder hervorkommt.

Ebenfalls sehr berührend und kraftvoll habe ich unseren „Ahnentisch“ empfunden. Obwohl wir nicht viel Zeit hatten, den Ahnen unsere Aufmerksamkeit zu widmen, waren sie durch Fotos, kleine Beschreibungen oder entzündeten Kerzen auf dem Tisch – und zum Schluss in der Mitte präsent. Sie waren tatsächlich fühlbar unter uns und mit uns.

Da wir den Raum sehr schön mit Teelichten, Blumen und einer Menora geschmückt hatten, entstand so etwas wie ein heiliger Raum, in dem die Ahnen willkommen waren, unabhängig davon, ob sie Täter oder Opfer waren. Systemisch haben wir immer wieder Phänomene erlebt, die dies nahe legen, nämlich durch Impulse, welche die Teilnehmer zum Ausdruck gebracht haben und nicht nur aus ihrer eigenen individuellen Welt kamen.

Wie habe ich es empfunden, den Film ein zweites Mal im Abstand von einem halben Jahr zu sehen?

Mein vegetatives System war diesmal ruhig und ich konnte mich mehr auf die Details des Films einlassen und die Teilnehmer im Blick behalten. Ich konnte den Protagonisten besser folgen in ihrem Erleben und ihnen empathischer zu den dunkelsten Orten folgen. Ich habe eine große Liebe und Demut für die Mitwirkenden und den Regisseur gespürt, die uns dieses Filmkunstwerk möglich gemacht haben und die uns eine wieder entdeckte Möglichkeit gegeben haben, diesem kollektiven Schatten zu begegnen – und zu integrieren und zu transformieren.

Unser Abschluss-Sharing mit den Ahnen in der Mitte empfand ich als sehr gelungen. Es war nur eine Stunde Zeit, und die haben wir optimal und sehr feinfühlig genutzt. Durch das getaktete 1-Minute-Sharing je Teilnehmer bestand die Notwendigkeit, etwas Essenzielles zu sagen. Einige haben über die Wirkung des Films gesprochen, andere über ihre Ahnen. Das hatten wir freigestellt. Eine Teilnehmerin hat diese Möglichkeit genutzt, durch ihre Stimme ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen und uns die Möglichkeit gegeben, ein gemeinsames (jüdisches) Lied anzustimmen. Mit mehr Zeit hätten wir mehr auf die Ahnen in der Mitte eingehen können, aber in diesem Rahmen war es perfekt.

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