Gregor_Khushru_Steinmaurer

Erfahrungen & Erkenntnisse mit dem „Seminar Shoah“ – Facilitator Gregor Steinmaurer

Meine persönliche Motivation & Erfahrung:

(Gregor Steinmaurer – Facilitator)

Ich entstamme der klassischen Kriegsenkel- Generation, als in den späten 70er Jahren in Österreich geborener. Ich bin mit den Geschichten von Großeltern und der Kriegsgeneration groß geworden, und war schon als Kind davon fasziniert. Mit zunehmendem Alter paarte es sich dann mit Unverständnis und der Überforderung zu verstehen, wie so viel Grausamkeit und Unmenschlichkeit in und aus der Mitte unserer Gesellschaft heraus entstehen und mitgetragen werden konnte.

Seither, und auch durch mein Geschichte Studium, habe ich unzählige Zeitzeugenberichte, Artikel, Abhandlungen, Bücher, philosophische und psychologische Annäherungen, Filme, Dokus usw verwendet um mir das Unvorstellbare greifbarer zu machen. Was ich jedoch lange nicht wusste, und mir auch in diesen Formen der Vergangenheitsbewältigung nicht begegnete, ist wie wenig ich diese Geschichte nicht verstehen sondern noch viel weniger nicht spüren konnte.

In den später folgenden Therapie Ausbildungen und den vielen Jahren von Selbsterfahrung und Trauma Arbeit – auch durch kollektive Gruppenprozesse – habe ich das zwar für mich selbst wieder entdeckt, aber als ich in Israel an einem (von Thomas Hübl geleitetem) Retreat teilnahm, der sich zu einem großen Teil auch mit dem Holocaust auseinandersetzte, wurde mir dabei ganz klar gespiegelt, dass es für mich selbst nach all den Jahren der intensiven persönlichen Arbeit fast unmöglich war, mich emotional dem Thema zu öffnen.

Obwohl ich persönlich familiär nicht mit dem Thema belastet bin, konnte ich anfangs nicht verstehen, dass wo andere Menschen Zorn, Wut, Trauer oder Betroffenheit spürten, ich anfangs nur Indifferenz und ein Nicht-Spüren bemerkte.
Während mein Verstand sich über diese Indifferenz entsetzte, konnte ich der Empfindung des Nicht-Spürens nachgehen, und entdeckte eine Taubheit die mich selbst überraschte. Diese Taubheit und Indifferenz hat seither auch eine Tür der Einsicht aufgestoßen, wie stark kollektive Traumata sich in einer persönlichen Dimension auswirken und die Empfindung- u. somit auch die Empathiefähigkeit drastisch minimieren.
In der Beziehung zu meinem Heimatland Österreich hat mir das auch mehr Klarheit gegeben, anzuerkennen dass hier der Prozess der Aufarbeitung der geschichtlichen und menschlichen Verantwortung im Vergleich zu Deutschland noch immer viel mehr von Indifferenz und emotionaler Taubheit geprägt ist.

Als ich dann im Rahmen des Timeless Wisdom Trainings mit Thomas Hübl, von meinen Kollegen Andreas und Cosima über ihre Erfahrungen mit dem Film „SHOA“, und der entstehenden Idee eventuell einen Gruppenprozess daraus zu kreieren hörte, spürte ich ganz klar, dass ich das unterstützen möchte, und es für mich eine Möglichkeit sein kann mich persönlich und emotional tiefer mit dem Thema zu verbinden.

Im Gespräch mit den beiden wurde mir auch bewusst, wie meine professionelle und persönliche Leidenschaft der therapeutischen Arbeit mit Trauma hier eine wunderbare Verbindung zu dem künstlerischen und filmischen Ansatz zu Heilung und Aussöhnung eingehen kann.
Gerade in den letzten Jahrzehnten haben wir als Menschheit ganz viel zu den Auswirkungen von traumatischen Erlebnissen gelernt, und vieles davon lässt sich auch sehr direkt auf ein Kollektiv oder eine Gesellschaft übertragen.
Die wichtigsten und schwerwiegendsten Elemente einer solchen Traumatisierung und Überforderung sind neben der Fixierung auf existenzielle Überlebensmuster, auch das Abspalten oder Einfrieren der emotionalen Erlebnisfähigkeit, und der Abbruch von echtem menschlichem Kontakt oder auch ein in sich Zurückziehen und Abkapseln. Vereinfacht ausgedrückt können Menschen zwar weiterhin funktionieren, aber nicht mehr wirklich spüren und fühlen.

Gerade dieser Rückzug und das „nicht-mehr-spüren“ können, angesichts einer totalen Überforderung lässt sich auch gut im Kollektiv aller beteiligten Völker und Gesellschaften während und auch nach dem Gräuel des Holocaust nachvollziehen. In den letzten Jahren wurde zusätzlich die Wirksamkeit von transgenerationalen Traumata besser erforscht und auch wissenschaftlich erklärt. Die Vergangenheit ist nicht einfach abgeschlossen, auch wenn schon viele Jahre vergangen sind. Anpassungsmechanismen werden – sofern sie nicht erforscht, gefühlt und integriert werden – selbst über Generationen weitergegeben, und die Vergangenheit lebt in uns weiter. Das gilt für persönlich erlebtes, genauso wie für Energien, von denen ich denke dass es eigentlich keine direkte Ursache oder Verbindung gibt.

Die Taubheit, das Stummbleiben, oder das sich abschotten kann auch plötzlich wieder überhand nehmen wenn wir mit der Energie eines kollektiven Traumas in Kontakt treten, genauso wie ich es in dem Retreat in Israel für mich so überraschend erleben konnte.

Jede Beschäftigung mit Traumata die eine Integration und keine Re-traumatisierung anstrebt, lebt von einigen einfachen aber sehr wesentlichen Aspekten, wie zum Beispiel von erlebter Sicherheit und die Möglichkeit für menschlichen Kontakt, sei es über Gespräch, die Augen, oder körperliche Berührung.

In dem SHOA Projekt war es uns deshalb neben der filmischen-künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema, auch wichtig diese Elemente in die Struktur und das gemeinsame Erleben einzubinden.

Das sowohl sprichwörtliche als auch metaphorische „Hinsehen“ (durch die so kraftvollen und eindrücklichen Bilder von Claude Lanzmanns filmische Annäherung an den Holocaust) in einem geschützten und gemeinsamen Rahmen mit gleichgesinnten Menschen, denen ein tieferer Zugang zur Aussöhnung und Heilung am Herzen liegt, war ein unglaublich kraftvolles und tiefes Erlebnis.

Ich war anfangs gespannt, hoffnungsvoll aber auch nervös und aufgeregt über das was uns auf dieser Reise begegnen würde.

Was sich für mich persönlich zeigte, war ein vertieftes Empfinden und Mitgefühl von dem unbegreiflichen Ausmaß an Horror und Entmenschlichung. Während der Film kein einziges Horrorszenario von Leichen oder sonstiges Archivmaterial verwendet, berührten mich die Interviews mit ehemaligen KZ-Häftlingen und anderen Augenzeugen auf eine viel tiefere und direkte Weise. Wenn die Augen und Stimmen der ehemaligen Opfer nach 30 Jahren fast nur Ohnmacht, Abspaltung und Apathie ausdrückten, hatte ich das erste Mal das Gefühl eine Ahnung davon zu bekommen, was Menschen gezwungen waren zu erleben.
Ich begann ein bisschen tiefer zu verstehen wie eine ganze Generation von Opfern, Augenzeugen und selbst Täter, sich emotional abspalten mussten, um irgendwie zu überleben, und damit des wertvollsten des Mensch-Seins, des Fühlens und sich mit anderen verbinden können, beraubt wurden.

Im gemeinsamen Gruppenprozess wurde schnell sichtbar dass alle Teilnehmer irgendwann an die persönlichen Grenzen von Überforderung kamen, aber dass die Möglichkeit in Körperkontakt gehen zu können, und auch der Austausch in Kleingruppen oder in den Pausen eine sehr heilsame und integrierende Wirkung hatte.

Es war für mich als würden wir als Gruppe eine bewusste Entscheidung und Gegenbewegung zu den unbewussten kollektiven Mustern setzen, die sich durch jeden von uns ausdrückten. Wo ansonsten Isolation und Dissoziation von Gefühlen passierte, entstand plötzlich Kontakt, Austausch und eine ganz tiefe menschliche Verbundenheit.
Wenn die Schwere manchmal für einzelne erdrückend zu werden schien, kam oft aus der Intuition eines Sitznachbarn eine ausgestreckte Hand – und wieder konnte sich eines kleines Stück Stumpfheit in eine echte und lebendige Trauer erlösen.

Es waren viele solche kleine Momente die für mich einen unglaublich tiefen und schließlich lichtvollen Prozess ergaben.
Es war berührend direkt erleben zu dürfen, wie sich durch die Auseinandersetzung mit dem Thema – wir boten in dem Prozess auch andere Möglichkeiten, wie den Ahnentisch, angeleiteten Austausch, gemeinsame Meditationen usw, an – viel Lebendigkeit, Liebe und ein schon fast „heiliger“ Raum in unserer Gruppe spürbar wurde.

In der Reflexion über den Prozess wurde für mich nochmal viel deutlicher klar, wie sehr für ein so überwältigend großes, und manchmal endlos erscheinendes kollektives Thema wie den Holocaust, auch kollektive Prozesse und gemeinsam erlebte Heilarbeit notwendig sind.
Ich bin nach diesem Projekt fest davon überzeugt, dass die einzige Möglichkeit diese noch immer erstarrte Energie des „Nicht- Fühlen-Könnens“ zur Transformation zu bringen, es noch viel mehr solcher gemeinsamen, kollektiv erlebten Prozesse braucht.

Das Trauma das aus der Mitte unserer Gesellschaft heraus entstanden, mitgetragen und verursacht wurde, muss auch als Gemeinschaft wieder erfühlt und zur Verwandlung eingeladen werden.
Die kleine Gruppe von beherzten Menschen die an diesem ersten Projekt teilgenommen haben, hat mich ganz viel Hoffnung schöpfen lassen, dass genau das auch möglich ist.

Im Nachklang unserer Reise habe ich eine große Dankbarkeit dafür verspürt als Mensch aus den Geschehnissen der Vergangenheit lernen zu dürfen, und auch Dankbarkeit für Claude Lanzmann für seine unbändigen Willen diesen Film zu machen, und uns ein so kostbares und wichtiges Zeitdokument hinterlassen zu haben.

Es hat auch meine Überzeugung gestärkt, dass unsere Zeit alle nötigen Ressourcen und Möglichkeiten zur Verfügung stellt, um unseren Beitrag für diese kollektive Heilarbeit leisten zu können. Es liegt auch an meiner Generation sich dieser Aufgabe und Verantwortlichkeit zu stellen, um nicht wiederum unverarbeitete Energie einfach an die nächste Generation weiter zu reichen. Wenn wir uns dieser Aufgabe stellen, werden wir auch die Kraft befreien die wir brauchen, um auch die ganz aktuellen Probleme und Konflikte unserer Zeit mit mehr Kreativität und Verbundenheit anzugehen.

 
Gregor Khushru Steinmaurer, August 2015

Gregor Steinmaurer: Systemischer Therapeut, Traumatherapeut und Gruppenleiter
Langjährige Beschäftigung mit Meditation, verkörperter Spiritualität und kollektiven Gruppenprozessen und aktuell Teilnehmer des TWT mit Thomas Hübl

 

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