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Erfahrungen von Teilnehmern des „Seminars Shoah“

Erfahrungen von Teilnehmern

Meine persönliche Erfahrung:

(Teresa Distelberger – Teilnehmerin)

Ich habe schon vor 10 Jahren zum ersten Mal kurze Ausschnitte aus dem Film Shoah gesehen und habe nie vergessen, dass es diesen 9-Stunden-Film über den Holocaust gibt. Er hat mich damals schon beeindruckt, ich hätte mich aber nie darüber getraut, ihn mir einfach ganz alleine anzuschauen. Dazu hatte ich zu viel Respekt vor dem Thema und auch Angst davor, was die Eindrücke in mir auslösen würden.

In der Gruppe von Andreas, Cosima und Gregor traute ich mich dann doch. Ich hatte trotzdem ein mulmiges Gefühl, als wir angefangen haben. Ich fühlte mich bereit und gleichzeitig auch unsicher. War ich selbst stabil genug in mir, um das aufzunehmen? Ich ging gerade durch eine innerlich schwierige Zeit, fühlte mich aber dumpf und konnte meine Gefühle nicht wirklich spüren.

Ich setzte mich hin, öffnete mich für den Film und ließ mich mitnehmen. Streckenweise fühlte ich viel Dumpfheit, dann war ich auch berührt – besonders vom singenden Mann am Boot, vom traurigen Blick des Lokomotivführers. Irgendwann fühlte ich ganz viel Wut und es war nicht mehr klar, ob es meine eigenen unterdrückten Gefühle waren oder auch meine Wut über diesen Wahnsinn, den auch meine Vorfahren anderen Menschen angetan haben.

In einer Pause konnte ich was davon rauslassen. Angefangen hat es so nebenbei, als ich mit Gregor wie zum Spaß zu stänkern und zu raufen begann. Später war Cosima da als mein Gegenüber. Es hat sehr gut getan, wie sie mich herausgefordert hat, wirklich dran zu bleiben und auch bereit war, meine Wut zu empfangen, mir dafür Raum zu geben. Ich konnte schreien. Die Grenzen verschwammen zwischen meiner eigenen gehaltenen Wut, die da Raum bekam und vielleicht einer kollektiven Dumpfheit, durch die was durchbrechen konnte.

Durch meine Herkunft kenne ich sehr gut die österreichischen Perspektive auf den Holocaust, die Verharmlosung der Verantwortung von ÖsterreicherInnen und da begegne ich immer wieder so einer Dumpfheit, die wie ein Puffer zwischen den NS-Verbrechen und meiner möglichen Betroffenheit schwebt. Es kommt dann schnell mal eine relativierende Stimme in mir hoch: „Das geht mich nichts an.“ – obwohl ich selbst auch weiß, dass es nicht stimmt. Selbst wenn ich das intellektuell anders sehe, wirkt da auch durch mich das kollektive österreichische Unterbewusste, demnach „wir als Österreicher“ das „erste Opfer“ von Hitler waren.

Als ein ausführlich interviewter Täter im Film dann in einem sehr starken Wiener Akzent erklärte, wie genau das KZ organisiert wurde, auf was alles für einen reibungslosen Ablauf geachtet wurde, wo und wann wie viele Menschen und Leichen waren, da hat mich das genau an der Stelle getroffen. Es war mir extrem unangenehm und ich wollte mich innerlich winden, hab tief geatmet zwischendurch. Den Täter im Film so auf Österreichisch einsickern zu lassen, das ging mir ziemlich unter die Haut.

Die Länge des Films und ihn am Stück ganz anzuschauen war sehr wichtig für mich. Der Regisseur Claude Lanzmann schafft dadurch bewusst eine Extremsituation für das Publikum, die auch mich an meine Grenzen kommen ließ. Als nach 7 Stunden Film, nach den ganzen verschiedenen Orten und Geschichten, dem ganzen Horror, den Menschen erlebt hatten, dann in nächsten Kapitel wieder ein neuer Ort, noch ein weiteres Konzentrationslager vorgestellt wurde, war mir das zu viel. Ich wollte schreien: „Stopp. Es reicht! Wir haben genug gesehen! Ich will nicht erfahren, was auch da noch passiert ist. Warum muss das jetzt auch noch sein? Das ist zu viel!“ Doch genau das war der Moment, wo mich das unfassbare Ausmaß dieser Verbrechen ein bisschen tiefer erreichen konnte. Genau da, wo es immer noch weiter geht, obwohl es eh schon so arg ist, dass ich es nicht mehr verarbeiten kann. Für die betroffenen Menschen hörte es ja auch nicht einfach auf, als es ihnen zu viel war. Es ging weiter, bis an wirkliche Grenzen, bis in den Tod. Und das gleichzeitig an so vielen Orten.

Am Ende des Films war ich unerwartet friedlich und auch in den Tagen danach. Ich habe danach auch erst mal nicht viel weiter darüber nachgedacht. Jetzt beim Schreiben kommen die Bilder wieder hoch. Sie haben irgendwie einen guten Platz in mir gefunden. Ich fühle mich jetzt gerade berührbar an den Stellen, wo ich sie in mir gespeichert habe. Davor fühlte ich mich rund um das Thema eher ohnmächtig und dumpf, wohl auch durch die Angst und das Vermeiden, damit überhaupt in Berührung zu gehen. Da hat sich was verändert durch diesen Prozess. Ich fühle mich lebendiger.

Das Setting, das Andreas, Cosima und Gregor geschaffen haben, war dafür sehr wichtig. Es hat mir ermöglicht, lebendig fühlend dabei zu bleiben, auch in den dumpfen Phasen. In einem Kino ganz alleine wäre das viel schwerer gewesen, da hätte ich vermutlich bald zugemacht aus Überforderung. In diesem Rahmen jedoch konnten wir unsere Betroffenheit teilen, es war ein gemeinsames Durchgehen, eine gemeinsame Erfahrung. Das hat mir viel Kraft gegeben.

 

Meine persönliche Erfahrung:

(Heike Prevrhal– Teilnehmerin)

Mich hat es tief berührt, gemeinsam mit der Gruppe diesem Film zu begegnen. Durch den sicheren Rahmen, den die Facilitatoren kreiert haben war es möglich, mich tiefer einzulassen und mehr durch mich hindurch fliessen zu lassen; das Eingefroren-Sein nicht nur in den sprechenden Zeitzeugen, sondern auch irgendwo tief in mir wahrzunehmen, und zu spüren, wie durch menschlichen Kontakt, Berührung, einander Sehen, Beistand und gemeinsames Bezeugen ein tieferes Schmelzen beginnen kann – ein wunderbares Beispiel für mich in Bezug darauf, wie kollektive Heilung stattfinden kann in unterstütztem Rahmen. Ich bin euch sehr dankbar für diesen Raum und diese Erfahrung!

 

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